LdN443 - Warum bekommen Bauern ein bedingungsloses Grundeinkommen – und zerstören die Artenvielfalt? (Christine Chemnitz, Agora Agrar)

Überblick

Struktur und Größe der deutschen Landwirtschaft

  • Betriebsstruktur und Zahlen
    • 255.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland
    • Weniger als die Hälfte wirtschaftet im Haupterwerb (ca. 120.000 Betriebe)
    • Andere Hälfte: Nebenerwerbslandwirte mit zusätzlichen Einkommensquellen
    • Etwa 850.000 Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt
    • Mix aus Familienarbeitskräften und Saisonarbeitskräften
  • Regionale und strukturelle Vielfalt
    • 50% der Landfläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt
    • Durchschnittliche Betriebsgröße: über 60 Hektar pro Betrieb
    • Süddeutschland: Kleinstrukturierte Betriebe, oft unter 20 Kühe, meist Nebenerwerb mit Tourismus
    • Nordwestdeutschland: Veredelungsbetriebe, Schweinemast in Niedersachsen und NRW
    • Ostdeutschland: Große Ackerbaubetriebe mit mehreren tausend Hektar (ehemalige LPGs)
    • Strukturwandel seit Jahrzehnten: Weniger, aber größere Betriebe
  • Diversifizierung der Landwirtschaft
    • Kombination mit Tourismus, erneuerbarer Energieproduktion
    • Nebenerwerbslandwirte: Lehrer, andere Berufe außerhalb der Landwirtschaft
    • Multifunktionale Betriebe als Trend

Wirtschaftliche Situation und Einkommen

  • Einkommensstrukturen

    • Durchschnittliches landwirtschaftliches Einkommen: etwa 50.000 Euro pro Arbeitskraft/Jahr
    • Extreme Schwankungen je nach Betriebstyp, -größe und Jahr
    • Abhängigkeit von Erzeugerpreisen vs. Produktionskosten (Futtermittel, Dünger, Pflanzenschutz)
    • Problem: Keine Daten zu Haushaltseinkommen verfügbar

    “Ganz ganz grob gesagt, liegt das landwirtschaftliche Einkommen pro landwirtschaftlicher Arbeitskraft ungefähr bei 50.000, etwas mehr, mal in manchen Jahren etwas drüber, in manchen Jahren etwas drunter, Euro pro Jahr.” - Christine Chemnitz

    “Wozu es keine Daten gibt, sind die Haushaltseinkommen. Und das ist ja das, worüber viele Betriebe zusätzlich auch Einkommen erwirtschaften.” - Christine Chemnitz

  • Bodenmarkt und Strukturwandel

    • Steigende Bodenpreise als Spekulationsobjekt
    • Landwirtschaftliche Fläche nicht vermehrbar bei steigender Nachfrage
    • Konzentration des Landbesitzes erschwert Neugründungen
    • Schwierigkeiten für junge Unternehmer ohne landwirtschaftlichen Hintergrund
    • Verpachtung als gängiges Modell, aber mit Risiken der Konzentration

    “Die Nachfrage nach Lebensmitteln wird steigen, die Nachfrage an Agrarrohstoffen perspektivisch eben auch. Landwirtschaftliche Fläche ist ja nicht vermehrbar.” - Christine Chemnitz

  • Herausforderungen für kleine Betriebe

    • Von kleinen Betrieben mit wenigen Tieren kann kein Haushalt mehr gut leben
    • Große, professionell bewirtschaftete Ackerbaubetriebe ermöglichen gutes Auskommen
    • Dorfsterben: Von 15-20 Bauern auf einen Betrieb reduziert

EU-Agrarpolitik und Subventionssystem

  • Größenordnung der Förderung

    • 30% des EU-Haushalts fließen in die Landwirtschaft
    • 387 Milliarden Euro bis 2027 geplant
    • 6 Milliarden Euro jährlich in Deutschland
    • Landwirte haben eigenes Ministerium und eigene Rentenkasse (80% staatlich finanziert)
  • Historische Entwicklung der GAP

    • Ursprung: Ernährungssicherheit nach Kriegs- und Nachkriegszeit
    • Früher: Produktionsgebundene Preisgarantien (Mindestpreise pro Liter Milch etc.)
    • Problem der 80er: Milchseen und Butterberge durch Überproduktion
    • Entkopplung Anfang 2000er: Von Produktions- zu Flächenprämien

    “Als die gemeinsame Agrarpolitik entstanden ist, hatte man noch, sagen, diese Hungerjahre der Kriegs- und Nachkriegszeit auch wirklich im Nacken.” - Christine Chemnitz

  • Aktuelles Flächenprämien-System

    • Aktuell etwa 150 Euro pro Hektar und Jahr (früher über 200 Euro)
    • Bedingungsloses Grundeinkommen nur für Flächenbesitz
    • Bei 4.000 Hektar: 600.000 Euro jährlich allein aus Flächenprämien
    • Problem: Gießkannenprinzip ohne Steuerungswirkung

    “Das klingt ja erstmal total unverständlich, dass so viel öffentliches Geld in die Landwirtschaft geht. Und was unverständlicher ist, heute noch aus meiner Sicht, ist, dass wir dieses Geld nicht zielgerichteter einsetzen.” - Christine Chemnitz

  • Zwei-Säulen-System

    • Erste Säule: Direktzahlungen (etwa 50% der Mittel) - noch nicht zielgerichtet
    • Zweite Säule: Bereits für Agrarumweltmaßnahmen - wird immer größer
    • Trend hin zu zielgerichteten Zahlungen für gesellschaftliche Leistungen

Klimawandel und Treibhausgasemissionen

  • Emissionsquellen in der Landwirtschaft

    • 14% der deutschen Treibhausgasemissionen aus Landwirtschaft plus Moornutzung
    • Zwei Hauptquellen:
      • Methanemissionen aus der Rinderhaltung (Verdauung)
      • Entwässerte Moore: 7% der Gesamtemissionen Deutschlands

    “Sieben Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen, der gesamten deutschen Treiberhausgasemissionen. Jedes Jahr. Sieben Prozent kommen aus diesen landwirtschaftlich genutzten Mooren.” - Christine Chemnitz

  • Moore als Klimaproblem

    • Trockenlegung vor 2-4 Generationen für landwirtschaftliche Nutzung
    • Organisches Material mineralisiert bei Sauerstoffkontakt
    • Kontinuierliche jährliche Emissionen durch Zersetzung des Torfkörpers
    • Besonders betroffen: Emsland, Landkreis Osnabrück, Oldenburg
    • Torfkörper senken sich ab durch fortlaufenden Verlust
  • Entwicklung der Emissionen

    • Nur 5% Reduktion seit 2005 (vs. 34% in anderen Sektoren)
    • Emissionen aus Mooren völlig konstant - keine ambitionierte Politik
    • Emissionen aus Rinderhaltung ebenfalls konstant
  • Klimaneutralität: Grenzen und Potenziale

    • Landwirtschaft kann nicht klimaneutral werden (einziger Sektor)
    • Restemissionen müssen kompensiert werden
    • Mögliche 60% Reduktion bis 2045 laut Agora-Studie (gegenüber 2020)
    • Negative Emissionen durch Senken möglich, aber nicht permanent

    “Die Landwirtschaft kann nicht klimaneutral werden, das ist ganz wichtig. Also, weil alle anderen Sektoren können das ja, aber die Landwirtschaft, solange wir Böden bewirtschaften, solang wir Tiere halten, wird die Landwirtschaft auch Treibhausgasemissionen produzieren.” - Christine Chemnitz

Moorwiedervernässung als Klimaschutzmaßnahme

  • Technische Möglichkeiten

    • Wiedervernässung stoppt jährliche Emissionen
    • Moore können wieder als CO₂-Senken funktionieren
    • Abhängig von noch vorhandenem Torfkörper
    • Paludikulturen: Nasse Bewirtschaftung für Biomasse-Produktion
  • Wirtschaftliche Perspektiven

    • Wiedervernässungsprämien für Landwirte nötig
    • Neue Wertschöpfungsketten für Paludi-Biomasse
    • Abnehmer: Bauwirtschaft (klimaneutrale Dämmstoffe statt Styropor)
    • Verpackungsindustrie: 5% der Kartonage aus Paludikulturen
    • Beispiel Niedersachsen: Will 2040 klimaneutral werden, 18% der Emissionen aus trockenen Mooren

    “Heute sagen ganz viele Landwirte, Mensch, wenn ich diese Fläche nass bewirtschafte, wer will schon diese nasse Biomasse haben? Und die Bauwirtschaft sagt, wenn es Palludikultur-Biomasse gäbe, wir würden sie übrigens kaufen. Aber was es im Moment noch nicht gibt, sind die Wertschöpfungsketten.” - Christine Chemnitz

  • Politischer Handlungsbedarf

    • Investitionen in Aufbau von Wertschöpfungsketten
    • Kooperation zwischen Landwirtschaft, Bauwirtschaft und Verpackungsindustrie
    • Wirtschaftliche Perspektiven statt Bestrafung für historische Entscheidungen

Biodiversität und Umweltschutz

  • Problematik des Artensterbens

    • Landwirtschaft als größter Zerstörer von Artenvielfalt in der EU und weltweit
    • Ursachen: Pestizideinsatz und Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen
    • Rapide Abnahme der Arten- und Pflanzenvielfalt

    “Genau. Und das stimmt auch nicht nur EU-weit, das stimmt auch weltweit. Also und zwar sowohl durch den Einfluss von Pflanzenschutzmitteln, Pestiziden, aber eben auch durch die Ausweitung von landwirtschaftlichen Flächen.” - Christine Chemnitz

  • Dilemma der Flächennutzung

    • Effizienzsteigerung vs. Flächenausweitung: Weniger intensive Nutzung führt zu Ausweitung anderswo
    • Indirekte Landnutzungsänderungen: Import führt zu Regenwald-Rodung
    • Hohe Hektarerträge in Deutschland werden verbraucht, nicht gelagert
  • Lösungsansätze

    • Weniger Pestizide notwendig
    • Blühstreifen und Heckenlandschaften fördern
    • Gehölzstrukturen in der Agrarlandschaft
    • Bezahlung für Biodiversitätsleistungen am Markt nicht entlohnt
    • Zentral: Nachhaltigere Ernährung mit weniger tierischen Produkten

Tierwohl und Tierhaltung

  • Aktuelle Problematik

    • Massentierhaltung mit schlechten Haltungsbedingungen
    • 3000 Kühe-Betriebe in Norddeutschland als Beispiel für große Strukturen
    • Tierkrankheiten als Indikator für Probleme
    • Kontinuierliche Überwachung bereits vorhanden: Jeder Schlachtkörper und jede Milchcharge untersucht
  • Kontroverse um Bewertungsmethoden

    • Debatte: Haltungsstandards vs. Ergebnis-Monitoring
    • Management-Qualität entscheidend in allen Haltungsformen
    • Kranke Tiere in Bio und konventionell möglich
    • Zugang zu Frischluft, Beschäftigungsmaterial, verschiedenes Wetter nicht am Schlachtkörper erkennbar

    “Also ein gutes Management ist in jeder Form der Haltung das A und O. Und gleichzeitig hängt es eben auch das Tierwohl nicht nur vom Management.” - Christine Chemnitz

  • Reform-Ansätze

    • Tierwohlprämien für bessere Haltungsstandards
    • Weniger Tiere zu höheren Tierwohl-Standards
    • Kombination aus Stallbau-Förderung und Krankheits-Monitoring
    • Gesellschaftlich akzeptierte Haltungsformen definieren und fördern

    “Fleisch und tierische Produkte sind ja gute Lebensmittel und die sind auch wichtig, aber wir konsumieren im Moment viel zu viel davon.” - Christine Chemnitz

Ernährungspolitik und Konsumverhalten

  • Zentrale Rolle der Ernährung

    • Nachhaltigere Ernährung als Schlüssel für klimafreundliche Landwirtschaft
    • Weniger tierische Produkte notwendig für Klimaschutz
    • Problem: Importverlagerung bei nationaler Reduktion ohne Konsumänderung
  • Ernährungsumgebungen gestalten

    • Verfügbarkeit, Attraktivität und Erschwinglichkeit nachhaltiger Lebensmittel
    • Nicht nur Information, sondern strukturelle Bedingungen ändern
    • Mehrwertsteuer-Reform: Ermäßigter Satz für Gemüse, regulärer für tierische Produkte
    • Öffentliche Kantinen umstellen (Kitas, Krankenhäuser, Schulen)

    “Es geht nämlich nicht nur darum Menschen zu sagen, tu mal das und das oder sie zu informieren, sondern es geht darum, es gibt so den schönen Begriff der Ernährungsumgebung.” - Christine Chemnitz

  • Politische Herausforderungen

    • Polarisierung vermeiden: Nicht “Fleischesser vs. Vegetarier”
    • Identitätspolitik um Ernährung kontraproduktiv
    • Verbotspolitik-Vorwürfe als politische Falle
    • Sozialpolitische Dimension: Ärmere Haushalte haben schlechteren Zugang zu gesunden Lebensmitteln

    “Und wir nehmen uns damit ganz viel politischen Gestaltungsspielraum. Das ist, wenn es von der Politik polarisiert wird, dass Ernährungspolitik was Schlechtes ist, und dass es so eine Verbots- oder Ernährungsdiktatur gäbe.” - Christine Chemnitz

Politische Rahmenbedingungen und Regulierung

  • Bürokratie-Problematik

    • Viele kleinteilige Auflagen: Tierhaltung, Tierseuchenschutz, Gülle-Ausbringung, Gewässerabstände
    • Arbeitsschutz: “Leiterbeauftragte” als Symbol für Überregulierung
    • Nicht abschaffen, sondern handhabbar machen
    • Regeln haben begründete Ziele: Arbeits-, Umwelt-, Tierschutz

    “Es ist in der Tat so, dass bäuerliches Wirtschaften, landwirtschaftliches Wirtschaften ganz stark von Regeln heute beeinflusst ist.” - Christine Chemnitz

  • Fehlende Klimapolitik

    • Keine Klimaziele für Landwirtschaft nach 2030
    • Andere Sektoren: -90% bis 2040, klimaneutral 2045
    • CO₂-Bepreisung für Landwirtschaft nötig
    • Carbon Border Adjustment für klimaintensive Importe (Rindfleisch, Butter, Milchpulver)
    • Eigener Emissionshandel für Landwirtschaft sinnvoller als Integration in bestehende Systeme
  • Herausforderung nicht-permanenter Senken

    • Wald kann abbrennen, gespeichertes CO₂ wieder freisetzen
    • Problem für Zertifikate-Handel mit negativen Emissionen
    • Kleiner Sektor rechtfertigt eigenes System

Agora Agrar: Organisation und Arbeitsweise

  • Struktur und Geschichte

    • 17 Mitarbeitende in Berlin, seit 3 Jahren aktiv
    • Gegründet von Christine Chemnitz und Harald Grete
    • Teil der Agora Think Tanks mit Energiewende, Industrie, Verkehrswende
    • Gemeinsames Ziel: Klimaneutrale Transformation verschiedener Sektoren
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit

    • Schnittstellen zwischen Sektoren wichtig
    • Klimaneutrale Industrie braucht mehr nachwachsende Rohstoffe
    • Biodiesel aus Raps ineffizient - besser Elektrifizierung des Verkehrs
    • Sektorübergreifende Lösungen entwickeln
  • Finanzierung und Unabhängigkeit

    • Ausschließlich stiftungsfinanziert
    • Robert Bosch Stiftung, Umweltstiftung Michael Otto, European Climate Foundation
    • Zweckgebundene Mittel nur für Agrar-Arbeit verwendbar
    • Keine Bundesregierungs-Gelder für Deutschland-Arbeit
  • Beirat und Beratung

    • Jochen Flasbarth (BMU), Sylvia Bender (Staatssekretärin a.D.)
    • Bauernverband, Landfrauen, Landjugend, Wissenschaft (Thünen-Institut)
    • NABU (Jörg-Andreas Krüger)
    • Beratende Funktion, keine Weisungsbefugnis
    • Zweimal jährlich Austausch

    “Dieser Beirat hat wirklich eine beratende Funktion für uns. […] Der kann sagen, was er gut findet, was er nicht gut findet, aber er ist ihn überhaupt nicht weisungsbefugt, die sagen auch nicht, was wir tun oder lassen sollen.” - Christine Chemnitz

Zentrale Reformforderungen und Lösungsansätze

  • Kurzfristige Maßnahmen

    1. Zielgerichtete Verwendung der bestehenden 6 Milliarden Euro EU-Agrargelder
    2. Weg vom Gießkannenprinzip hin zur Entlohnung öffentlicher Leistungen
    3. Moorwiedervernässung mit Prämien und Aufbau von Wertschöpfungsketten
    4. Agrarumweltmaßnahmen ausbauen statt Flächenprämien
  • Mittelfristige Reformen

    1. Klimaziele für Landwirtschaft nach 2030 definieren
    2. CO₂-Bepreisung mit Carbon Border Adjustment für Importe
    3. Ernährungspolitik als eigenständiges Politikfeld etablieren
    4. Tierwohlprämien statt allgemeine Subventionen
  • Langfristige Transformation

    1. 60% Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2045
    2. Strukturwandel zu nachhaltiger, kleinerer aber qualitativ besserer Tierhaltung
    3. Agrarwende als integraler Teil der Klimatransformation
    4. Biodiversitäts-Landwirtschaft als neues Leitbild
  • Systemische Ansätze

    • Internationale Koordination bei Handelsstandards nötig
    • Sektorübergreifende Kooperation (Bau-, Verpackungsindustrie)
    • Gesellschaftlicher Konsens über gewünschte Landwirtschaft
    • Planungssicherheit für Landwirte durch klare Ziele

    “Wir sollten das zielgerichtet einsetzen. Wir sollten das zielgerichtet einsetzen […] Wir machen nämlich Biodiversitätsschutz. Aber, liebe Gesellschaft, dann müsst ihr uns auch dafür bezahlen.” - Christine Chemnitz