Synthese des Interviews mit Olaf L. Müller, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor von “Pazifismus. Eine Verteidigung” sowie “Atomkrieg. Eine Warnung”, geführt von Philip Banse und Ulf Buermeyer in Lage der Nation - Plus, LdN490 (aufgezeichnet 25. Juni 2026, veröffentlicht 26. August 2026). Müller entwickelt eine Verteidigung des relativen Pazifismus und wendet sie durchgehend auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine an.
Definitionen des Pazifismus
Müller unterscheidet zwei Grundformen des Pazifismus.
Der absolute Pazifismus (abwertend auch “gesinnungsethischer Pazifismus” genannt) lehnt jede kriegerische Handlung kategorisch ab, unabhängig von der jeweiligen Situation:
Und das sind die Leute, die sagen, wann auch immer eine kriegerische Handlung vorgeschlagen wird, sagt nein. Dazu kannst du die Augen verschließen und dein Herz zumachen. Du musst gar nicht auf die Situation gucken, um die es gerade geht. Du sagst einfach immer nur Nein zu kriegerischen Handlungen.
Müller kritisiert daran, dass diese Position die Wirklichkeit gar nicht in den Blick nehmen muss und deshalb auch dann nicht aufgegeben werden kann, wenn die Situation “so krass daherkommt”, dass das Dogma eigentlich fallen müsste.
Dem stellt er den relativen Pazifismus gegenüber, zu dem er sich selbst zählt. Relative Pazifisten suchen mit einem “sehr stark eingestellten Suchscheinwerfer” aktiv nach friedlicheren Alternativen, bevor sie Gewalt akzeptieren:
Relative Pazifisten sind welche, die sagen, wenn jemand eine kriegerische Handlung vorschlägt, dann suche aktiv mit einem sehr stark eingestellten Suchscheinwerfer nach friedlicheren Alternativen. Das ist eine anstrengende Arbeit, da muss man die Wirklichkeit kennen und untersuchen, statt einfach nur Nein zu sagen.
Wird die Suche nach Alternativen “verrückt” — also selbstbetrügerisch —, gibt der relative Pazifist seine Position auf, ohne dabei das Grundprinzip preiszugeben. Für Angriffskriege (Beispiel: der US-Angriff auf den Iran) hält Müller den relativen Pazifismus für “total überzeugend”; schwierig wird es bei Verteidigungskriegen, wo Länder oder Menschen selbst angegriffen werden.
Das Beispiel Slawutytsch
Als konkreten Beleg für die Wirksamkeit gewaltfreien Widerstands schildert Müller den Fall der ukrainischen Stadt Slawutytsch (30.000–40.000 Einwohner, nahe Tschernobyl, Wohnort der Kraftwerksarbeiter), die die russische Armee Ende März 2022 kampflos einnahm, weil keine ukrainische Armee vor Ort war.
Nach der Festnahme des Bürgermeisters versammelten sich zunehmend mehr Ukrainer:innen friedlich vor den Soldaten, sangen und zeigten nationale Symbole. Die russischen Soldaten waren laut Müller “total konsterniert” — sie hatten mit bewaffnetem Widerstand oder “Nazis” gerechnet, trafen aber auf “ganz normale Leute”. Als die Spannung stieg, feuerte die Armee Schreckschüsse ab — ein Moment, in dem laut Müller leicht Panik und ein Blutbad hätten entstehen können. Das passierte nicht; stattdessen kam es zu Verhandlungen zwischen Zivilgesellschaft und Armeeführung mit drei Ergebnissen:
- Der Bürgermeister wird freigelassen.
- Die Ukrainer verzichten auf bewaffneten Widerstand und Partisanenkrieg.
- Russische Soldaten dürfen Häuser nach Waffen durchsuchen.
Einige Tage später zog die russische Armee ab — allerdings, wie Müller ausdrücklich betont, “nicht, weil sie vom gewaltfreien Widerstand in die Flucht geschlagen worden sind”, sondern aus übergeordneten militärischen Gründen (Rückzug der Front). Entscheidend ist für Müller ein anderer Punkt: In Slawutytsch gab es keine Folter, keine Morde, keine Vergewaltigungen — anders als im zeitgleich militärisch verteidigten Butscha, wo die abziehenden russischen Truppen schwerste Kriegsverbrechen begingen. Müller betont, dass sich daraus keine Kausalität beweisen lässt (nur ein Einzelfall gegen einen anderen), sieht darin aber einen Beleg für seine These, dass Soldaten “zu brutalisierten Monstern unter Beschuss” werden.
Buermeyer wendet ein, dass das Modell nur funktioniert habe, weil auch die andere Seite friedlich geblieben sei — Pazifismus wirke nicht einseitig. Müller stimmt zu: Gewaltfreiheit beeinflusse das Verhalten der Gegenseite, genauso wie Gewalt es tue — dies betreffe aber die Soldaten vor Ort, nicht Putin selbst. Er verweist auf Bertrand Russell (“es ist eine scheußliche Angelegenheit, Leute niederzumähen, die wehrlos sind”) und ein optimistisches Menschenbild, wonach die meisten Menschen sich nicht ohne Weiteres zum wahllosen Töten motivieren lassen — ein Punkt, den Banse mit dem Beispiel der “ganz normalen Männer” der NS-Einsatzgruppen in Osteuropa (Reserve-Polizeibataillon Hamburg) kontert.
Müller schlägt vor, dass Pazifisten bereits ab 2014 (Krim-Annexion) auf Deeskalation hätten setzen sollen: Verzicht der Ukraine auf NATO-Beitritt, große gewaltfreie Demonstrationen nach dem Vorbild des Baltikums Ende der 1980er, und westliche Investitionen in Training für gewaltfreien Widerstand statt in Waffen.
Die Nazi-Ausnahme
Der klassische Einwand gegen Pazifismus lautet: Was ist mit dem Nationalsozialismus? Buermeyer spitzt das zu und fragt, ob Müller bei Ereignissen wie “Operation Barbarossa” oder dem Massenmord an Juden, Ukrainer:innen und Russ:innen Gewalt für legitim hielte. Müller erklärt genau daran seinen relativen (statt absoluten) Pazifismus — wie schon die Pazifisten Bertrand Russell und Albert Einstein sei es angesichts einer “ziemlich einzigartigen” Form der Barbarei “verrückt”, am Pazifismus festzuhalten.
Und deswegen möchte ich die Gegenseite ein bisschen davor warnen, in anderen Debatten dann immer gleich mit den Nazis zu kommen, weil das ja letztlich darauf hinausläuft, die Nazi-Verbrechen zu relativieren und mit was anderem zu vergleichen.
Müller warnt vor der inflationären Verwendung des Nazi-Vergleichs in Debatten um Saddam Hussein, Gaddafi oder den Kosovo-Krieg — dort seien es historisch “höchst umstrittene”, teils präventive Militäroperationen gewesen, bei denen Gegner ebenfalls mit dem Nazi-Argument konfrontiert wurden. Buermeyer hält dagegen, dass gerade beim jetzigen Ukrainekrieg die Gegenseite über hunderttausende Tote entscheiden könnte, ohne dass die Betroffenen selbst Einfluss darauf hätten — anders als bei “Angriffskriegen, die man selber unter Kontrolle hat”.
Güterabwägung: Menschenleben vs. Selbstbestimmung
Kernstück der Debatte ist die Abwägung zwischen Menschenleben und Selbstbestimmung/Demokratie/Freiheit. Buermeyer nennt für den Ukrainekrieg eine konservative Schätzung von “weit über 100.000” Toten (Banse: eher “eine halbe Million”, wobei Militärs Tote und Verwundete zusammenrechnen). Die Gegenprobe: Hätte die Ukraine 2014 dem pazifistischen Rat gefolgt, hätten die russischen Truppen ohne bewaffneten Widerstand dieselbe Opferzahl verursachen müssen — eine laut Müller “ziemlich pessimistische Prognose” über die “russische Natur”, denn wahllose Massenmorde in diesem Ausmaß seien historisch eher das Resultat langer, brutalisierender Kriege (Beispiel: US-Bombardierung Tokios, Hiroshima, Nagasaki) als spontanes Verhalten besetzender Truppen.
Als Vergleichsfall zieht Müller den Kosovo-Krieg heran: 2 Millionen Kosovo-Albaner wurden durch reine Luftangriffe der NATO “freigehauen” — bewusst unter Inkaufnahme von rund 10.000 Toten am Boden, weil man die eigenen Soldaten schonen wollte (Milošević hatte mit Massakern gedroht, und diese fanden auch statt). Müller berichtet, dass Kosovo-Albaner ihm auf die Frage, ob sie den Westen für diesen Blutzoll böse seien, durchgängig geantwortet hätten: “Das war es wert.” Hochgerechnet auf die Bevölkerung Deutschlands entspräche dieses Verhältnis rund 800.000 Toten — eine Zahl, bei der Müller sagt: “da bleibt mir die Spucke weg.”
Buermeyer hält dagegen, dass diese Abwägung eine Wertungsfrage sei: Wie hoch hängt man Selbstbestimmung, Demokratie und Freiheit gegenüber Menschenleben? Er zitiert eine ukrainische Sängerin, die kurz nach Kriegsbeginn im Kanzleramt auftrat (Bundeskanzler Olaf Scholz hatte den Saal da bereits verlassen) und sagte, man dürfe Putin trotz Atomkriegsrisiko nicht davonkommen lassen — “und wenn es zum Atomkrieg führt, dann soll es halt so sein.”
Der friedliche Zusammenbruch der Sowjetunion
Als historisches Erfolgsbeispiel für gewaltfreien Widerstand nennt Müller den “nahezu friedlichen Zusammenbruch der Sowjetunion”: In Polen, der DDR und im Baltikum erreichte die Bevölkerung Ende der 1980er / Anfang der 1990er Jahre das Ende der sowjetischen Fremdherrschaft mit im Wesentlichen friedlichen Mitteln, praktisch ohne Tote.
Buermeyer hält dagegen, dass diese Länder zuvor nicht “angegriffen”, sondern bereits besetzt waren, und dass dieser Erfolg eine entscheidende Voraussetzung hatte: Die Sowjetunion — konkret Michail Gorbatschow persönlich — ließ die Revolution geschehen, statt Panzer einzusetzen (anders als 1956 in Ungarn und 1968 in Prag). Müller stimmt zu: “Pazifismus dieser Art funktioniert dann, wenn auf beiden Seiten in letzter Konsequenz pazifistisch gedacht wird.” Gorbatschows Entscheidung sei kontingent gewesen, aber nicht grundlos: Die sowjetische Wirtschaft war am Ende, die Afghanistan-Intervention hatte das Land ausgezehrt, und die westliche Entspannungspolitik hatte vertrauensbildend gewirkt.
Als Kontrastfigur nennt Müller Juri Andropow, Gorbatschows Vorgänger, der fest davon überzeugt war, die USA würden die UdSSR bald mit Atomwaffen angreifen — eine “total groteske Fehleinschätzung”, die kaum Spielraum für eine friedliche Öffnung ließ. Müller zieht die Parallele zur Gegenwart: “Wir verstehen im Moment die Logik von Putin auch nicht.”
Atomkriegsgefahr als Kernmotiv
Das eigentliche Fundament von Müllers Pazifismus ist die Sorge vor einem — auch versehentlichen — Atomkrieg; er hat dazu ein eigenes Buch geschrieben (“Atomkrieg. Eine Warnung”).
Zwei historische Beinahe-Katastrophen dienen als Belege:
- Kubakrise 1962: Robert Kennedy schätzte die Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Eskalation hinterher auf 50:50. Ein ukrainischer Historiker hat in einem vor wenigen Jahren erschienenen Buch rund 30–40 Zufälle dokumentiert, die eine Katastrophe knapp verhinderten.
- Stanislaw Petrow, 1983: Ein sowjetischer Oberst der Frühwarnsysteme sah auf seinem Bildschirm eine, dann fünf anfliegende US-Langstreckenraketen. Nach Protokoll hätte er Andropow wecken müssen — “use them or lose them”. Petrow meldete den (falschen) Alarm entgegen aller Routine nicht. Der Vorfall geschah kurz nach dem sowjetischen Abschuss eines Passagierflugzeugs (Korean Air Lines Flug 007) über Südkorea, als “die Nerven blank lagen” — just zu der Zeit, als in Westdeutschland die Nachrüstungsdebatte um den NATO-Doppelbeschluss die Öffentlichkeit bewegte, ohne dass diese Nähe zur Katastrophe damals bekannt war.
Buermeyer widerspricht Müllers Lesart der 1980er-Jahre: Die westliche Abrüstungs-/Entspannungspolitik habe erst gewirkt, nachdem die UdSSR zunächst nachgerüstet hatte (Stichwort SS-20-Mittelstreckenraketen) und der Westen daraufhin mit dem NATO-Doppelbeschluss nachzog und den Rüstungswettlauf für sich entschied — erst danach habe im Warschauer Pakt die Erkenntnis eingesetzt, man könne sich das wirtschaftlich nicht mehr leisten. Buermeyers pointierte Schlussfolgerung: Die Friedensbewegung der 1980er Jahre, an deren Demonstrationen im Bonner Hofgarten er selbst im Zweifel teilgenommen hätte, sei “historisch einfach auf der falschen Seite” gewesen. Müller hält dagegen, dass diese Lesart die hohen Risiken der nuklearen Hochrüstung ausblendet — eben die Beinahe-Katastrophen von Kuba 1962 und Petrow 1983 — und dass aus jahrzehntelangem Gutgehen nicht folgt, dass das System sicher sei.
Müller warnt zudem vor einem neuen Risikofaktor: KI-gestützte Frühwarnsysteme. Die Deutsche Gesellschaft für Informatik warnt laut Müller davor, dass Mustererkennungs-KI aus einem “aberwitzigen Datensalat” Signale herausfiltert, die ein Mensch unter extremem Zeitdruck interpretieren muss — mit unklarer Zuverlässigkeit gerade auf russischer Seite (“ob die ihm da potemkinsche Dörfer vormachen, das will ich alles gar nicht wissen”).
Sein Kernargument: Mit Beginn des Ukrainekriegs ist die Wahrscheinlichkeit eines versehentlichen Atomkriegs “dramatisch angestiegen”, und ein Krieg, der sich in die Länge zieht, verlängert diesen Risikozustand kumulativ (“Wenn ich das noch mal verdopple, verdopple ich die Wahrscheinlichkeit, dass insgesamt das Ganze schief geht”). Er verweist zudem darauf, dass laut US-Geheimdienstberichten Russland im Herbst 2022, als die Ukraine militärisch erheblich zulegte, ernsthaft über den taktischen Atomwaffeneinsatz auf dem Schlachtfeld nachdachte — was das seit Hiroshima/Nagasaki bestehende nukleare Tabu gebrochen und die “Epoche der Atomkriege im Plural” eingeläutet hätte.
Um seine Priorisierung zu begründen, zieht Müller die Analogie zur “Team Vorsicht”-Haltung: So wie Eltern kleiner Kinder in einer fremden Wohnung reflexhaft nach Steckdosen und Sturzgefahren suchen, oder wie eine für ein Atomkraftwerk verantwortliche Ingenieurin verpflichtet ist, jedes noch so kleine Fehlerrisiko im Blick zu behalten, das zum Super-GAU führen könnte, müsse man den Atomkrieg als “die allerschlimmste Gefahr, die der Menschheit droht” konsequent mitdenken — auch wenn andere robustere Nerven haben und die Abwägung anders träfen.
München 1938 und das Appeasement-Argument
Buermeyer bringt das historische Gegenargument gegen Deeskalation ein: das Münchner Abkommen 1938, mit dem der britische Premier Neville Chamberlain Hitlerdeutschland die Tschechoslowakei überließ und hinterher von “Peace in our Time” sprach. In der historischen Forschung gilt weitgehend als gesichert, dass dieser Nicht-Widerstand den ein Jahr später beginnenden Zweiten Weltkrieg (Überfall auf Polen 1939) wahrscheinlicher gemacht hat.
Müller entgegnet mit Verweis auf das Buch “München 38” von Christian Goeschel und Daniel Hedinger: Rückblickend wisse man, dass Hitler nicht verhandlungsbereit war — aber diese Erkenntnis liege erst im Nachhinein vor (“Das weiß man nämlich in Echtzeit erstmal nicht”). Er zieht die Parallele zu Putin, dessen Verhandlungsbereitschaft ebenfalls in Echtzeit unklar war.
Die Verhandlungen im Frühjahr 2022
Zentrales Argument Müllers: Zwischen März und Mai 2022 fanden echte Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine statt, die laut mehreren Beteiligten (u.a. dem damaligen israelischen Premier Naftali Bennett und ukrainischen Verhandlungsführern) “kurz vor einem Abschluss” standen. Grundlage ist eine Rekonstruktion des Fachjournals Foreign Affairs unter dem Titel “The Talks that Could Have Ended the War”.
Zentral war für die Ukraine nicht das Territorium, sondern robuste Sicherheitsgarantien — als Reaktion auf die Erfahrung mit dem wertlosen Budapester Memorandum (in dem die Ukraine im Austausch für die Abgabe ihrer Atomwaffen Grenzgarantien erhielt, die 2014 gebrochen wurden). Die Ukraine hätte im Gegenzug auf eine NATO-Mitgliedschaft verzichtet; territoriale Fragen sollten zunächst eingefroren und erst später (z.B. via Referenden in 20 Jahren) geklärt werden. Garantiemächte sollten neben westlichen Staaten auch Russland selbst sein.
Ein Streitpunkt entstand um eine mögliche russische Vetomacht bei der Auslösung der Garantien: Nach anfänglicher Zustimmung zu einem Text ohne Vetorecht schlugen die Russen im April eine Formulierung vor, die eine vorherige Beratung der Garantiemächte verlangte — was faktisch einem Veto gleichgekommen wäre. Ukrainische Verhandler werteten dies als “typische russische Verhandlungstaktik” und blieben zuversichtlich, dass ein robustes (vetofreies) Ergebnis erreichbar gewesen wäre.
Ausschlaggebend für das Scheitern war nach Foreign Affairs aber vor allem, dass der Westen (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, USA) sich weigerte, die geforderten Sicherheitsgarantien selbst zu unterschreiben — nicht ein Veto von Boris Johnson, wie es die verbreitete Erzählung suggeriert (“Das ist sicher nicht so”). Buermeyer und Banse ergänzen, dass laut Foreign Affairs das Scheitern nicht allein am Westen lag: Es gab weitere offene Fragen (Territorium, russische Gräueltaten), und es sei falsch zu sagen, es habe keine ernsthaften Verhandlungen gegeben — man habe sich schlicht nicht geeinigt. Die Überschrift des Artikels (“The Talks that Could Have Ended the War”) deute aber darauf hin, dass die Autoren eine faire, ungenutzte Chance sahen.
Müller weist zudem darauf hin, dass die Verhandlungsposition der Ukraine sich seit Mai 2022 verschlechtert, nicht verbessert habe — ein Hinweis darauf, dass der fortgesetzte bewaffnete Widerstand die Ukraine nicht in eine bessere Position gebracht habe.
Das Präzedenzfall- und Völkerrechts-Argument
Buermeyer bringt aus juristischer Perspektive das Argument ein, dass ein Frieden ohne vollständigen Rückzug auf die völkerrechtlichen Grenzen den Einsatz militärischer Gewalt “belohnen” und einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen würde — mit Verweis auf mögliche Nachahmer wie die Volksrepublik China gegenüber Taiwan.
Müller räumt dies grundsätzlich ein, relativiert es aber: Es gebe bereits Präzedenzfälle für “Appeasement” unter Putins Herrschaft, etwa Südossetien (russisch besetzter Teil Georgiens, faktisch seit den 1990ern, Krieg 2008) — “die Georgier haben natürlich keine entsprechende Armee” — ohne dass dies internationale Konsequenzen hatte. Ebenso habe die weitgehend folgenlose Annexion der Krim 2014 (minimale Sanktionen) laut Müller womöglich die Vollinvasion 2022 begünstigt. Müller gesteht zu, dass dies ein “unerwünschter” Kollateralschaden seiner Position ist, gewichtet ihn aber geringer als die negativen Folgen fortgesetzter Kriegsführung. Er verweist zudem darauf, dass der Westen selbst wiederholt Grenzen verändert oder infrage gestellt hat (z.B. Kosovo aus Serbien “herausgehauen”).
Das moralische Dilemma und Müllers Schuldgefühl
Gegen Ende des Gesprächs räumt Müller ein zentrales Element seiner Position ein, das er als “Beichte” bezeichnet: Wenn die Ukrainer:innen “verzweifelt um Hilfe bitten” und er aus übergeordneten Gründen (Sorge um die Menschheit/Atomkriegsrisiko) dennoch Nein sagt, macht er sich ihnen gegenüber schuldig.
Ich hatte ukrainische Freunde und wenn ich mir vorstelle, dass die hören müssen, was ich hier sage, dann geht es mir nicht gut. Es tut mir wirklich weh. […] Pazifisten waren sehr oft auf dem hohen Ross und haben gesagt, wir sind die, die die richtige Moral haben, die anderen alle seid irregeleitet, wenn nicht gar Verbrecher […] Der Pazifismus redet eigentlich aus einer Position der Schwäche, sollte das vielleicht auch zugeben.
Er plädiert für gegenseitigen Respekt in der Debatte: Auch Befürworter der Waffenlieferungen sollten ihre eigenen Zweifel eingestehen — etwa dass die Aussage, deutsche Waffen “retten Leben, statt zu töten”, den Krieg zugleich verlängere und damit unklar sei, ob die Gesamtbilanz tatsächlich positiv ist. Müller besteht darauf, dass er dieses Schuldgefühl nicht wegtherapieren, sondern aushalten will, weil es eine “genuine Reaktion auf eine sehr, sehr schreckliche Situation” sei, in der es keine saubere Lösung gebe.
Der Wehrpflicht-Vorschlag
Als konkreten politischen Vorschlag für Deutschland bringt Müller ein, dass junge Männer und Frauen im Rahmen einer wiedereingeführten Wehrpflicht ein freies Wahlrecht erhalten sollten zwischen:
- Dienst an der Waffe bei der Bundeswehr, oder
- Training in aktivem, symbolischem gewaltfreiem Widerstand — mit vergleichbarem Zeit- und Mühenaufwand, nicht zu verwechseln mit Zivildienst-Tätigkeiten wie Krankenwagenfahren oder Altenpflege.
Die Hoffnung dahinter: Ein Signal, dass Deutschland nicht auf Hochrüstung und Kriegssüchtigkeit setzt, sondern deeskalieren will. Zudem habe gewaltfreier ziviler Widerstand eine gewisse abschreckende Wirkung, weil ein resilientes, wertetreues besetztes Land für eine Besatzungsmacht “nicht so lustig” sei.
Das Deutschland-Szenario
Buermeyer konfrontiert Müller mit der Konsequenz seines Vorschlags für Deutschland: Akzeptiert er im Zweifel ein russisches politisches System mit Geheimdiensten, Folter, Verschleppung und Parteiverboten? Müller verneint, dass er sich dann “frei entfalten” könnte, hält aber an der Abwägung fest.
Er benennt das Dilemma explizit: Eine kleinere Bundeswehr mit größerem Fokus auf gewaltfreien Widerstand erhöht die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Besetzung Deutschlands — das gesteht er “sofort” zu. Konventionelle atomare/militärische Abschreckung senkt zwar diese Wahrscheinlichkeit, aber wenn sie scheitert, ist der Schaden ungleich größer: Im NATO-Bündnisfall wird Deutschland zum “Truppenaufmarschplatz” und zur “logistischen Drehscheibe der NATO” und würde “nach kürzester Zeit ein Trümmerhaufen” sein. Müller fasst dies als echtes Dilemma ohne eindeutige Antwort: geringere Wahrscheinlichkeit/größerer Schaden (konventionelle Abschreckung) versus höhere Wahrscheinlichkeit/geringerer Schaden (ziviler Widerstand). Er respektiere, wer sich anders entscheide.
Schlüsselpersonen / Key People
| Name | Rolle | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Olaf L. Müller | Philosophieprofessor, Humboldt-Universität Berlin | Gast; Autor von “Pazifismus. Eine Verteidigung” und “Atomkrieg. Eine Warnung”; vertritt relativen Pazifismus |
| Philip Banse | Journalist, Co-Host Lage der Nation | Interviewt Müller, bringt Gegenargumente |
| Ulf Buermeyer | Jurist, Co-Host Lage der Nation | Interviewt Müller, juristische/völkerrechtliche Perspektive |
| Bertrand Russell | Philosoph, Pazifist | Zitiert zur Grausamkeit des Tötens Wehrloser; Vorbild für Müllers relativen Pazifismus |
| Albert Einstein | Physiker, Pazifist | Vorbild für Müllers relativen (nicht absoluten) Pazifismus angesichts der Nazi-Barbarei |
| Wladimir Putin | Präsident Russlands | Initiator des Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022; Analyse seiner Kalkulation/Verkalkulation diskutiert |
| Wolodymyr Selenskyj | Präsident der Ukraine | Hielt laut Müller trotz Beraterwiderstand an Verhandlungen bis Mai 2022 fest |
| Michail Gorbatschow | Letzter Staats- und Parteichef der UdSSR | Entschied sich gegen Panzereinsatz in Osteuropa 1989; ermöglichte friedlichen Zusammenbruch der Sowjetunion |
| Juri Andropow | Sowjetischer Generalsekretär vor Gorbatschow | War überzeugt von unmittelbarem US-Atomangriff; Kontrastfigur zu Gorbatschow |
| Stanislaw Petrow | Sowjetischer Oberst, Frühwarnsysteme | Verhinderte 1983 fälschlichen Alarmauslösung eines Nuklearangriffs |
| Neville Chamberlain | Britischer Premierminister 1937–1940 | Schloss 1938 das Münchner Abkommen mit Hitler (“Peace in our Time”) |
| Naftali Bennett | Israelischer Premierminister 2021–2022 | Vermittler bei den Verhandlungen Frühjahr 2022; bestätigte Nähe zum Abschluss |
| Boris Johnson | Britischer Premierminister 2019–2022 | Populäre (laut Müller falsche) Erzählung, er habe Kiew von Verhandlungen abgehalten |
| Robert Kennedy | US-Justizminister während der Kubakrise | Schätzte Eskalationswahrscheinlichkeit auf 50:50 |
| Donald Trump | US-Präsident | Verweigert laut Müller bis heute robuste Sicherheitsgarantien für die Ukraine |
| Christian Goeschel / Daniel Hedinger | Historiker | Autoren des Buchs “München 38” über die Chamberlain-Hitler-Verhandlungen |
| Slobodan Milošević | Serbischer Präsident während des Kosovo-Kriegs | Drohte mit Massakern am Boden während der NATO-Luftangriffe |
| Olaf Scholz | Deutscher Bundeskanzler | Erwähnt im Kontext eines Konzerts einer ukrainischen Sängerin im Kanzleramt kurz nach Kriegsbeginn |
Schlüsselbegriffe / Key Terms
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Absoluter / gesinnungsethischer Pazifismus | Kategorische Ablehnung jeder kriegerischen Handlung unabhängig von der Situation |
| Relativer Pazifismus | Aktive, situationsabhängige Suche nach friedlicheren Alternativen, ohne Gewalt kategorisch auszuschließen (“Suchscheinwerfer”) |
| Gewaltfreier Widerstand | Aktiver, ziviler, symbolischer Widerstand gegen Besatzung ohne Waffeneinsatz (Beispiel Slawutytsch) |
| Abnutzungskrieg | Kriegsform, in der beide Seiten durch fortgesetzten Kampf/Waffenlieferungen ausgezehrt werden, ohne klares Kriegsende |
| Sicherheitsgarantien | Zusagen dritter Staaten, im Angriffsfall militärisch einzugreifen; zentrales Streitthema der Verhandlungen 2022 |
| Budapester Memorandum | 1994er Abkommen, in dem die Ukraine gegen Abgabe ihrer Atomwaffen (wertlose) Grenzgarantien erhielt |
| Appeasement | Politik des Nachgebens gegenüber einem Aggressor zur Vermeidung eines größeren Konflikts; historisch mit München 1938 verbunden |
| Nukleares Tabu | Ungeschriebene, seit Hiroshima/Nagasaki bestehende Norm gegen den Einsatz von Atomwaffen im Krieg |
| NATO-Doppelbeschluss / NATO-Bündnisfall | NATO-Nachrüstungsbeschluss von 1979 gegen sowjetische SS-20-Raketen; Art. 5 NATO-Vertrag würde Deutschland laut Müller zum militärischen Aufmarschgebiet und Angriffsziel machen |
| Präzedenzfall-Argument | Sorge, dass ein “belohnter” Gewalteinsatz Nachahmer wie China/Taiwan ermutigen könnte |
| “Team Vorsicht” | Müllers Analogie (Elternvorsicht, AKW-Ingenieurin) für konsequentes Risikodenken angesichts der Atomkriegsgefahr |
Zeitleiste / Timeline
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| 1938 | Münchner Abkommen: Chamberlain überlässt Hitler die Tschechoslowakei |
| 1939 | Deutscher Überfall auf Polen, Beginn des Zweiten Weltkriegs |
| 1941 | Operation Barbarossa, deutscher Überfall auf die Sowjetunion |
| 1956 | Sowjetische Panzer schlagen Aufstand in Ungarn nieder |
| 1962 | Kubakrise, Eskalationsrisiko laut Robert Kennedy bei 50:50 |
| 1968 | Sowjetischer Einmarsch in Prag (Ende des Prager Frühlings) |
| 1979 | NATO-Doppelbeschluss als Reaktion auf sowjetische SS-20-Mittelstreckenraketen |
| 1983 | Stanislaw Petrow verhindert fälschlichen Nuklearalarm; KAL-007-Abschuss über Südkorea |
| Ende 1980er | Friedlicher Zusammenbruch der Sowjetherrschaft in Polen, DDR, Baltikum unter Gorbatschow |
| 1990er | De-facto-russische Besetzung Südossetiens (Georgien) |
| 1999 | Kosovo-Krieg: NATO-Luftangriffe, rund 10.000 Tote am Boden, Befreiung von 2 Mio. Kosovo-Albanern |
| 2008 | Georgienkrieg, formalisierte russische Kontrolle über Südossetien |
| 2014 | Annexion der Krim durch Russland; Beginn des Minsk-Prozesses in der Ostukraine |
| 24. Februar 2022 | Russische Vollinvasion der Ukraine |
| Ende März 2022 | Russische Besetzung von Slawutytsch; gewaltfreier Widerstand der Bevölkerung |
| März–Mai 2022 | Verhandlungen zwischen Russland und Ukraine (u.a. vermittelt durch Naftali Bennett) über Sicherheitsgarantien |
| Anfang April 2022 | Entdeckung der Kriegsverbrechen von Butscha |
| Herbst 2022 | Ukrainische Gegenoffensive; laut US-Geheimdiensten Erwägung taktischer Atomwaffen durch Russland |
| 25. Juni 2026 | Aufzeichnung des Interviews mit Olaf L. Müller |
| 26. August 2026 | Veröffentlichung von LdN490 |
Quellen / Sources
- 2026-08-26 ◦ Lage der Nation - Plus, LdN490: Pazifismus: Lässt sich Putin wirklich mit Gesang aus der Ukraine vertreiben? (Olaf L. Müller, Professor für Philosophie)
- Transkript: roam-sources/podcasts/lage-der-nation-plus/ldn490.txt
- Im Gespräch erwähnt: Foreign Affairs, “The Talks that Could Have Ended the War”
- Im Gespräch erwähnt: Christian Goeschel & Daniel Hedinger, “München 38”
- Im Gespräch erwähnt: Olaf L. Müller, “Pazifismus. Eine Verteidigung”
- Im Gespräch erwähnt: Olaf L. Müller, “Atomkrieg. Eine Warnung”